MS aus psychologischer Sicht

Die Rolle der PsychologInnen in der Betreuung MS-Kranker

REGINE STRITTMATTER

 

Die psychologische Betreuung kann für Patienten mit Multipler Sklerose und ihre Angehörigeneine wichtige Unterstützung in der Krankheits- und Alltagsbewältigung bedeuten. Die verschiedenen therapeutischen Ansatzpunkte werden  im Folgenden kurz dargestellt.

Die Multiple Sklerose (MS) ist unter anderem dadurch charakterisiert, dass neben körperlichen Funktionseinschränkungen auch psychische und kognitive Störungen auftreten können. Solche Einschränkungen in der geistigen Leistungsfähigkeit oder psychische Erkrankungen sind nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die Angehörigen meist schwieriger zu bewältigen als die körperliche Symptomatik. Eine der größten Herausforderungen ist jedoch die Tatsache, dass die Diagnose MS mit immer wiederkehrenden Verlusterfahrungen einhergeht. Sie wird von vielen als Traumatisierung erlebt. Weder der Verlauf der Erkrankung, noch die Schwere oder die Art der Symptome können beim Einzelnen vorausgesagt werden - das einzig Sichere an dieser Krankheit ist die Unsicherheit. Nicht nur die Tatsache, dass MS alle Aspekte der Persönlichkeit betreffen kann, sondern auch die extreme Unsicherheit in Bezug auf Ursachen, Auslöser, Prognose und Verlauf und die Unheilbarkeit können das Gefühl von Hilflosigkeit und Kontrollverlust mit sich bringen. Das subjektive Gefühl von Kontrolle wiederum ist elementar für den Erhalt psychischer Gesundheit und Voraussetzung für einen konstruktiven Umgang mit chronischer Erkrankung.

Die Diagnose Multiple Sklerose trifft meist Menschen in jungen Jahren, in einer Lebensphase, in der sie kaum auf ein solch außerordentliches Ereignis vorbereitet sind. Es fehlt ihnen damit an Bewältigungsstrategien oder Vorstellungen, wie mit diesem «Sturz aus der Wirklichkeit» (1) umgegangen werden kann oder soll. Und nicht nur den Betroffenen fehlt es an Verhaltensroutinen im Umgang mit den neuen Anforderungen, sondern auch dem familiären und dem weiteren sozialen Umfeld. Die bedrohliche Realität muss Schritt für Schritt verarbeitet, eine neue, erträgliche Realität erarbeitet werden. Ziel ist, die emotionale Befindlichkeit regulieren zu können, die Handlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten und das subjektive Gefühl von Kontrolle wieder herzustellen. Die Erkrankung muss in das Selbstbild integriert werden, ohne dass sie alle anderen Aspekte der Identität und des Selbstbewusstseins verdrängt.

Ziele psychologischer Arbeit

Psychologische Arbeit mit MS-Patienten und ihren Angehörigen braucht kein Modell psychogener Ursachen der Erkrankung. Für ein solches liegen auch keine stichhaltigen empirischen Befunde vor.

Nichts desto trotz gibt es zahlreiche Ansatzpunkte:

  • Die Ursachen vieler Symptome können oft nicht abschließend geklärt werden, die medikamentöse Behandlung ist nur zum Teil erfolgreich, MS ist nicht heilbar; Interventionen müssen demnach auch auf der Ebene der Krankheitsbewältigung, bei Einstellungs- und Verhaltensänderungen beziehungsweise beim individuellen Umgang mit Symptomen ansetzen.
  • MS hat nicht nur körperliche, sondern auch sehr häufig psychische Symptome, zum Teil organisch (mit)- bedingt (z.B. neuropsychologische Störungen, Depression, Affektlabilität, Euphorie). Geht man von einer Traumatisierung durch MS aus, ist potenziell mit Verarbeitungsstörungen oder Identitätskrisen zu rechnen.
  • Für bestimmte Symptome müssen auch psychische Ursache- oder Auslösefaktoren angenommen werden (z.B. sexuelle Funktionsstörungen, Müdigkeit).
  • Zusätzlich zur MS können im Sinne einer Komorbidität psychische Erkrankungen vorliegen (z.B. Angststörung, Persönlichkeitsstörung).
  • Auch wenn die verschiedenen psychischen Symptome oft nur schwer voneinander abzugrenzen sind, braucht es eine entsprechende Diagnostik, um die richtigen Behandlungsschritte zu planen.
  • Medizinische und rehabilitative Behandlungsmaßnahmen setzen die Zustimmung des Patienten und zum Teil eine einschneidende Verhaltensänderung voraus (z.B. regelmäßiges Spritzen). Dabei können Motivationsprobleme auftreten, die bearbeitet werden müssen.

Das Krankheitsfolgen-Modell der WHO (2) ist Grundlage der Behandlungsplanung respektive Rahmenmodell für psychologische Interventionen bei chronischen Erkrankungen.

Nach der WHO sind die Auswirkungen chronischer Erkrankung auf den drei Dimensionen Funktionen des Körpers, Aktivitäten der Person und Partizipation an der Umwelt zu betrachten. Die WHO geht also von einem biopsychosozialen Krankheitsmodell aus, das einerseits die Ebene der körperlichen Leistungsfähigkeit beziehungsweise den Funktionsverlust, auf der anderen Seite die Handlungsmöglichkeiten des Individuums, seine Persönlichkeitsentwicklung und seine Ressourcen mit einbezieht.

Die dritte Perspektive umfasst die soziale Unterstützung und Akzeptanz, Aspekte wie beispielsweise die finanzielle Sicherheit oder die berufliche Perspektive.

Neben der Symptombehandlung und der Auseinandersetzung mit dem Verlust körperlicher Leistungsfähigkeit oder dem veränderten Körperbild geht es in der psychologischen Arbeit mit Patienten immer auch um deren psychische Gesundheit, ganz pragmatisch um Strategien der Alltagsbewältigung, um die individuellen und sozialen Ressourcen und um gesundheitsförderliche Verhaltensweisen und Einstellungen. Hier können sich ärztliche und psychologische Arbeit wertvoll ergänzen. Gerade bei einer Krankheit wie Multiple Sklerose, bei der Verlust, Symptome und Einschränkungen im Vordergrund stehen, müssen von professioneller Seite alle Anstrengungen unternommen werden, um die Ressourcen des Patienten und seines Umfelds zu stärken beziehungsweise zu fördern 

 

Tabelle:
Psychologische Massnahmen auf den Ebenen
Körper, Person und Umwelt

Funktion (Körper)        

  • Unterstützung beim Erlernen von Ersatzstrategien bei neuropsychologischen Defiziten 
  • Erlernen von Bewältigungsstrategien bei Müdigkeit
  • Schmerzbewältigungstraining 
  • Beratung zum Umgang mit Complianceproblemen
  • Informationen zu gesundheitsförderlichen Verhaltens weisen

Aktivität (Person)

  • Psychotherapie bei Vorliegen einer psychischen Erkrankung,
  • Verarbeitungsstörung oder Identitätskrise
  • Psychologische Begleitung zu Themen der Krankheits-
    bewältigung, Sinnfindung, Lebensperspektiven
  • Krisenintervention z.B. bei Suizidgefahr
  • Informationen zum Zusammenhang zwischen MS und
    Psyche
  • Unterstützung bei der Förderung eigener Ressourcen
    (z.B. Entspannung, Kreativität, Inanspruchnahme von Hilfe-leistungen)
  • Beratung in Entscheidungssituationen z.B. bezüglich
    Familienplanung, berufliche Neuorientierung
  • Stressbewältigungs-, Problemlösetraining

Partizipation (Umwelt)

  • Information zu Auswirkungen der MS auf die Familie
  • Beratung zur Prävention familiärer Konflikte
  • Paartherapie bei bestehenden Konflikten
  • Selbstsicherheits- und Kommunikationstraining,
    Training sozialer Kompetenz
  

In der oben stehenden Tabelle sind beispielhaft psychologische Maßnahmen auf den drei Ebenen Körper, Person und Umwelt genannt.

Zu psychologischen Maßnahmen gehören dabei nicht nur die Psychotherapie (Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, Gesprächspsychotherapie, systemische Therapie u. v .m.). Neben der psychotherapeutischen Behandlung sind vor allem die psychologische Beratung, die Information beziehungsweise Weiterbildung und das Verhaltenstraining hilfreich. In der Rehabilitationspsychologie wurden - ausgehend von oben genannten Aspekten - zahlreiche umfassende Programme zur Krankheitsbewältigung bei chronischer Erkrankung entwickelt und deren Wirksamkeit nachgewiesen.

Gerade in der ersten Phase der Erkrankung oder bei einem Schub versuchen Menschen zu ergründen, warum sie erkrankt sind. Es ist ein elementares Bedürfnis, den Sinn und die Ursachen von Ereignissen zu ergründen. Neben der Frage nach dem «Warum?» sind es vor allem die Fragen nach dem «Wozu?» und dem «Wie wird es sein?» und «Was kann ich tun?», die Patientinnen und Patienten in der Auseinandersetzung mit der Erkrankung stellen und für deren Beantwortung sie Gesprächspartner brauchen. Je nach dem, welche Antworten sie auf diese Fragen finden, gelingt den Betroffenen die Anpassung an die neue Lebenssituation besser oder schlechter, sind die Auswirkungen der chronischen Erkrankung unterschiedlich. Psychologische Arbeit mit chronisch kranken Menschen beinhaltet immer auch die wertfreie Auseinandersetzung mit diesen subjektiven Krankheitstheorien.

Zitierte Literatur:

1. Gerdes N.: Der Sturz aus der normalen Wirklichkeit und die Suche nach Sinn. In: W Schmidt (Hrsg.): Jenseits der Norma­lität. Leben mit Krebs. München: Chr. Kaiser Verlag, 7986.

2. WHO: IClDH-2, Februar 2000.

Weitere einschlägige Literatur:

Bengel J., Koch, U.: Grundlagen der Rehabilitationswissenschaften. Themen, Strategien und Methoden der Rehabilita­tionsforschung. Berlin: Springer-Verlag, 2000.

Stark A. (Hrsg.): Leben mit chronischer Erkrankung des Zentralnervensystems. Krankheitsbewältigung – Rehabilitation - ­Therapie. Tübingen: dgvt-Verlag, 1998. Chronische körperliche Erkrankung. Psychotherapie im Dialog Nr.l, März 2002.

Informationsblätter der Schweizerischen Multiple Sklerose Gesellschaft (Depres­sion, Müdigkeit, Kognitive Störungen, Psychische Auswirkungen): Schweizerische Multiple Sklerose Gesellschaft, Brinerstrasse 1, 8036 Zürich, Tel. 01-4666999; Internet: www.multiplesklerose.ch.

Kaluza G.: Optimismus und Gesundheit: Gibt es eine salutogene Konstruktion subjektiver Realität? In: Psychomed 11/1: 51-57, 1999. 

 

Dr. Regine Strittmatter
Diplompsychologin FSP
Leiterin Dienstleistungen
Schweiz. MS-Gesellschaft

Der Erstabdruck dieses Textes erfolgte in ARS MEDICI 7/2003 bei SAEM
Verlag AG, Neuhausen am Rheinfall. Der Zweitabdruck erfolgte mit
freundlicher Genehmigung der Autorin und des Verlags.

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